Interview mit Mentaltrainer André Schmidt: Wir Torhüter haben oft Zeit zum Nachdenken, im Training und im Spiel. Und das ist nicht immer hilfreich. Interview

Das Mentaltraining im Torhüterbereich boomt. Zuletzt outete sich BVB-Keeper Roman Bürki, dass er regelmäßige auf die Dienste eines Mentaltrainers setzt. Dennoch gibt es nach wie vor viele, die die Notwendigkeit des Mentaltrainings für Torhüter bestreiten. Wir haben mit André Schmidt gesprochen, der bereits seit Jahrzehnten deutsche Torhüter mental betreut. Der 45-Jährige Lehrer für Mentale Fitness, DFB-B Lizenz- sowie Kraftsport- und Fitnesstrainer über die Bedeutung des Mentaltrainings, praktische Tipps zur Ablenkung während des Spiels und wie das Mentaltraining bei ihm konkret abläuft.

Wie bist du auf die Nische Mentaltraining für Torhüter gekommen?

Der Wunsch, Torhütern im mentalen Bereich entscheidend helfen zu können, reifte bereits in meiner Zeit als Juniorentorwarttrainer beim Karlsruher SC, bei dem ich neun Jahre tätig war. Es gab immer wieder Situationen, in denen die Trainer der Teams mit den Leistungen der Keeper im Spiel nicht zufrieden waren, obwohl die Jungs sehr gute Trainingsleistungen zeigten und technisch, taktisch und athletisch auf Topniveau waren. Ein weiterer Grund war der Tod Robert Enkes, der mich damals sehr erschüttert hat. Meine Familie und der Heilbronner Sportpsychiater Stefan Ehrmann, bestärkten mich entscheidend in meinem Vorhaben, bei der BSA die Fernausbildung zum „Lehrer für mentale Fitness“ zu absolvieren. Die Ausbildung gepaart mit den fast vier Jahrzehnten Erfahrung im Torwartbereich, stellen heute eine vernünftige Grundlage für diese Arbeit.

Das Mentaltraining im Torhüterbereich boomt. Zuletzt war es Roman Bürki, der angab, sehr viel im mentalen Bereich zu arbeiten. Dennoch gibt es nach wie vor viele die meinen, das sei ein Tabu. Was setzt du dem entgegen?

Ich bin Roman Bürki sehr dankbar für die klaren, unmissverständlichen Sätze zum Thema. Auch Yann Sommer hatte sich vor geraumer Zeit bereits dazu geäußert und ein klares PRO dem Mentaltraining zugesprochen. Vielleicht geht man damit in der Schweiz insgesamt etwas transparenter um. Beide sind ja auch Spieler des SFV. DFB-Spieler sind da in der Tat etwas zurückhaltender. Tabuisieren resultiert aus einem gesamtgesellschaftlichen Verhalten. Mentales Training ist in jedem Fall nichts Mystisches. Wer seinen Körper trainiert, darf (oder sollte) auch seinen Geist trainieren und seine Seele stärken. Das ist nicht zu trennen. Schon gar nicht für Leute, die zu bestimmten Zeitpunkten ganz besondere Leistungen von sich verlangen. Und da gehören Torhüter eben dazu.

Ist Mentaltraining für Torhüter noch wichtiger als für Feldspieler?

Ich denke, es gibt viele Parallelen zwischen Feldspielern und Torhütern. Spielvorbereitung, Spielnachbereitung, körperliches und geistiges Gleichgewicht oder auch die Regulierung der Aufmerksamkeit geht jeden Ballsportler etwas an. Die Unterschiede liegen in der Verantwortung und dem ständigen Druck, keinen Fehler begehen zu dürfen, sei es in der Verteidigung des Tores oder im Aufbauspiel. Außerdem gibt es pro Team nur einen Torwart der spielt. Und mit diesen Rollen umzugehen, ist nicht leicht. Ein dritter Unterschied ist der Faktor Zeit. Wir Torhüter haben oft Zeit zum Nachdenken, im Training und im Spiel. Und das ist nicht immer hilfreich. In diesen drei Punkten ist das Mentaltraining für Torhüter wichtiger als für Feldspieler.

Ein Torhüter hat während des Spiels viel mehr Zeit, zu denken. Hast du praktische Tipps, damit man sich besser auf das wesentliche konzentriert?

Das trifft genau das Thema der Spannungsregulation, welches für die Keeper so wichtig ist. Unser Spiel ist keine Gerade, sondern gleicht eher einer Sinuskurve, wenn man es an der körperlichen Aktivität misst. In der 6. Spielminute kommt ein Rückpass mit Gegnerdruck, in der 9. Minute gibt’s Abstoß, in der 14. Minute den ersten Eckball. In der restlichen Zeit der 1. Halbzeit kommen noch vier Rückpässe, aber eben auch eine 1 gegen 1-Situation kurz vor der Pause beim Stand von 0:0. In diesem Moment braucht der Torwart diese 100%ige Spannung.

Spannungsregulation ist erlernbar, am besten in Verbindung mit Entspannungsverfahren. Nur wer gezielt entspannen kann, kommt auch auf 100% Spannung. Alle anderen bleiben bei 90% stecken. Viel ist in diesem Bereich aber auch schon mit dem bewussten Einsatz diverser Atemtechniken zu erreichen.

Was in den beschäftigungsärmeren Zeiten passiert ist sehr individuell. Manch einer hängt mit den Gedanken beim letzten Fehler, manche haben Musik im Kopf. Keeper die mit mir arbeiten erlernen diese Zeit sinnvoll und positiv für sich zu nutzen, um konzentrativ entspannt zu sein. Das allerdings sind individuelle Lernprozesse. Patentlösungen gibt’s meiner Ansicht nach nicht.

Mentaltrainer André SchmidtMentaltrainer André Schmidt

Ab welchem Alter sollten junge Torhüter mit dem Mentaltraining beginnen?

Hierzu würde ich das Mentaltraining gern differenzieren. Wenn ein achtjähriges Mädchen oder ein achtjähriger Junge eine Fangtechnik erlernen möchte, braucht es ein Bild, dem es nacheifern kann. Das bekommen die Kinder vorgemacht oder sie sehen es in einen Film. Das was dann folgt, ist die Vorstellung diesen Ball so zu fangen. Diese Vorstellung ist mentales Training im engeren Sinn. Und nach dieser Vorstellung (visualisieren) folgt das motorische Training, also den Ball real zu fangen.

Wenn wir von mentalem Training sprechen, welches die Bereiche Spannungsregulation, Stressmanagement, Gedankenkontrolle, Emotionsregulation oder Zielformulierung / Motivation trifft, sehe ich als Einstiegsalter das 12. Lebensjahr. Der unbeschwerte Kinderfußball ist vorüber, viele Clubs arbeiten fortan leistungsorientiert und auf der Torhüterposition gibt es oft Konkurrenzsituationen. Das Wichtigste aber ist, dass sich Junge wie Mädchen zwischen dem 11. Und 14. Lebensjahr deutlich verändern, nicht nur körperlich. Sie wissen jetzt was sie tun und denken neu darüber nach.

Wie läuft bei dir das Mentaltraining ab? Wie kann man sich das konkret vorstellen?

Einerseits gebe ich in dem ein oder anderen Verein Schulungen für Torhüter oder Trainer, bei denen man meist in vier- bis sechsköpfigen Gruppen arbeitet. Hierbei werden Themen bearbeitet wie z.B. Aufmerksamkeitsregulation, Spielvor- und Spielnachbereitung oder auch persönliche Zielsetzung. Noch intensiver und offener sind die Einzelcoachings. Hier treffe ich mich mit einem Keeper in Karlsruhe oder an einem Ort seiner Wahl. Meist wird im Erstgespräch bereits das Ziel des Coachings klar und formuliert. Jugendkeeper führen die Erstgespräche gemeinsam mit einem Elternteil. Dabei werden auch die Anzahl der geplanten Sitzungen und deren Rhythmen abgesteckt.

Mit Profis und Amateurkeepern, die räumlich weit entfernt von mir zu Hause sind, arbeite ich auch gern telefonisch, per Mail oder Whatsapp. Sämtliche Übungsbereiche sind so allerdings nicht abdeckbar.

Du bist jetzt seit über 20 Jahren Torwarttrainer. Ist deiner Meinung nach die Bedeutung des mentalen Aspektes im Torwarttraining in dieser Zeit gestiegen?

Grundsätzlich glaube ich, dass die Bedeutung auf dieser Position schon immer groß war und sich die Aufgabe in den vergangenen zwanzig bis dreißig Jahren auch nicht so drastisch verändert hat, wie es gern dargestellt wird. Heute wird über die mentalen Aspekte etwas mehr gesprochen und das ist gut so. Es wird aber auch über technische Aspekte mehr gesprochen als damals.

Ins separierte Torwarttraining fließen bestimmt auch viele mentale Aspekte ein, vor allem aber der Bereich „Brainkinetik“ sowie Wahrnehmung oder artverwandte Bereiche. Der Einsatz solcher Trainingsmittel ist bestimmt gut, trägt aber nicht zwingend zur psychischen Stabilität und Gesundheit bei, um die es mir geht.

Wo siehst du noch Entwicklungspotenzial im Mentaltraining für Torhüter in Deutschland?

Flächendeckend gesehen stehen wir bestimmt noch am Anfang, aber ich bin dabei optimistisch. Wer hätte vor 15 Jahren gedacht, dass sich Zweitligisten mit Nachwuchsleistungszentren heute vier oder fünf Juniorentorwarttrainer leisten? Die Einsicht kommt mit der Zeit. Der DFB lizensiert die Nachwuchsleistungszentren heute nur mit Anstellung eines Psychologen. Das ist der erste Schritt. Natürlich kann man sich vorstellen, wie tiefgründig diese Arbeit sein kann, bei 180 Jugendspielern im Verein. So gesehen sehe ich noch großes Entwicklungspotenzial.

Grundsätzlich empfehle ich aber die Zusammenarbeit mit einem Mental-Coach außerhalb des Vereins, weil dieser unbefangen arbeitet und nicht der Mitteilungspflicht zum Arbeitgeber unterliegt. Torhüter im speziellen benötigen ein hohes Maß an Selbstmanagement und dürfen sich dabei auch professionell unterstützen lassen. Ich sehe das als ein legitimes Mittel, um sich psychisch zu stabilisieren und die Entwicklung der Persönlichkeit sinnvoll begleiten zu lassen.

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