Torwarttalent Brodersen: „Am Ende entscheidet der Kopf“ Interview

St. Pauli - Köln

St. Paulis Nummer 2, Svend Brodersen, feierte vor zwei Wochen gegen den 1. FC Köln sein Profi-Debüt in der 2. Deutschen Bundesliga. Das Spiel ging zwar mit 1:4 verloren, davon lässt sich der 21-Jährige aber nicht entmutigen. Denn ein Psychologie-Studium hilft ihm dabei, sich mental weiterzuentwickeln. Der U21-Nationalkeeper im Interview über seine Freundschaft mit Schalkes neuer Nummer 1 Alexander Nübel, sein außergewöhnliches Selbstbewusstsein und seinen speziellen Spitznamen.

Danke Svend, dass du dir kurz für dieses Interview Zeit nimmst! Du bist eines der größten Torwarttalente Deutschlands, gabst vor einigen Wochen Dein Profi-Debüt für St. Pauli in der 2. Bundesliga und bist Teil der U21 Nationalmannschaft. Zudem hast du gerade Deinen ersten Profi-Vertrag unterschrieben. Was ist Dein Karriereziel? Wo soll es noch hingehen?

Als junger Torhüter träumt man natürlich davon als Profi vor vollen Stadien zu spielen. Das erste Ziel habe ich mit dem ersten Profi-Einsatz gegen Köln schon erreicht. Jetzt bin ich schon dreieinhalb Jahre bei den Profis und natürlich ist es als Torwart schwer, weil die Trainer eher auf ältere und erfahrene Torhüter setzen. Wenn man aber einmal einen Profi-Einsatz erlebt hat, möchte man das so häufig wie möglich wieder erleben.

Du bist ja auch befreundet mit Alexander Nübel, der bei Schalke auf dem Sprung zur Nummer eins ist. Gibt es da regelmäßigen Austausch bzw. pusht ihr euch gegenseitig?

Den engsten Kontakt mit Alex habe ich bei den Lehrgängen im Nationalteam, da war er mein Zimmerpartner. Er ist ein richtig entspannter Typ. Nach seinen ersten Einsätzen in der Bundesliga und in der Champions League im Herbst habe ich mich schon bei ihm erkundigt wie es ist vor so einer Kulisse zu spielen, und wie er sich darauf vorbereitet hat. Er hat sich, wie es seinem Naturell entspricht, da nur wenige Gedanken gemacht. Das habe ich dann auch versucht für mich und meinen ersten Einsatz umzusetzen. Ansonsten sind wir über Whats App in Kontakt, gratulieren uns nach den Spielen und zu den Erfolgen. Es hilft definitiv wenn man sich mit anderen Torhütern aus anderen Vereinen über das Training austauschen kann. Das hilft einem sich weiter zu entwickeln.

Robin Himmelmann ist die Nummer eins bei St. Pauli - Was kannst du dir von ihm abschauen und wie ist euer Verhältnis?

Robin ist ein super Typ, er ist schon lange im Verein und ich habe ihn schon als ich noch in der Jugend gespielt habe bewundert. Da sind wir auch zum Training gefahren und haben uns die Profis angeguckt. Wir sind jetzt schon seit drei Jahren Trainingspartner und verstehen uns super. Das gilt aber auch für den dritten Torwart, Korbinian Müller. Jeder hat gewisse Stärken oder bevorzugte Fähigkeiten, da kann ich mir von beiden sehr viel abschauen. Korbinian hat zum Beispiel sehr gute fußballerische Fähigkeitent. Robin hat ein super Stellungsspiel auf der Linie und ist im richtigen Moment bereit seine Reflexstärke zur Geltung bringen zu können.

Hast du ein Torhüter-Vorbild? Jemanden der dich inspiriert und dem Du nacheiferst?

Ja klar, als kleiner Junge fand ich Oliver Kahn cool, aber jetzt mit dem Alter hat man mehrere Torhüter von denen man sich etwas abschauen kann. Das ist für mich ein Gewinn. Natürlich ist Marc André Ter Stegen momentan absolut einzigartig. Da kann man sich auf jeden Fall viel abschauen.

Dein Profi-Debüt gegen den FC Köln ging leider mit 1:4 in die Hose. Entmutigt Dich das oder prallt das an dir ab?

Nein, an sich war es von der ganzen Kulisse her ein absolutes Traumdebüt. Ganz europaübergreifend mit dem Zuschauerschnitt ist das schon toll, obwohl Köln „nur“ in der 2. Liga spielt. Natürlich hat das Ergebnis für uns nicht gestimmt, aber bei den Gegentoren wurde mir auch von den Trainern attestiert, dass nichts zu machen war. Das was zu halten war habe ich gehalten. An diesem Tag war Köln einfach besser. Am Ende kann man Leistung nicht immer nur danach beurteilen, was auf dem Papier steht. Mich hat das Spiel keineswegs entmutigt, weil ich gesehen habe dass ich dem Druck eines Topspiels standhalten und auch dort gute Leistungen bringen kann.

Svend Brodersen, FC St. PauliSvend Brodersen, FC St. Pauli

Du studierst nebenbei Psychologie. Da drängt sich natürlich die Frage auf, wie du das mit dem Profi-Dasein und dem Training vereinbaren kannst?

Ich habe erst vor einem Jahr angefangen. Nach meinem Abitur habe ich mich auf den Profi-Fußball konzentriert und das war auch am Anfang notwendig. Da gab es viele Inputs und eine starke körperliche Belastung an die man sich erst gewöhnen muss. Ich habe aber nach zwei Jahren gemerkt, dass ich noch Kapazität hatte etwas anderes zu machen, und dann kam so ein Studium genau richtig. Ich habe mich für Psychologie entschieden, weil die Psychologie auch im Tor und allgemein im Sport eine große Rolle spielt. Der Kopf ist am Ende für die Leistung neben dem Körper mitentscheidend. Man kann noch so stark und schnell sein, wenn man das nicht zur richtigen Zeit auf die Platte bringt nützt einem das gar nichts.

Viele würden sagen, jetzt bin ich Profi, jetzt brauche ich kein Studium mehr. Das lenkt mich nur ab. Warum machst du trotzdem weiter - Planst du damit etwas für die Karriere nach deiner Karriere?

Ich glaube es ist wichtig sich nicht nur auf eine Sache zu versteifen, sondern auch mal abzuschalten. Sich auch mal mit anderen Sachen zu beschäftigen. Bei Pflichtveranstaltungen aus dem Studium muss man sich zwangsläufig darauf konzentrieren. Es hilft mir eher dabei mich weiter zu entwickeln und meine bestmögliche Leistung abzurufen. Was nach der Karriere ist, darüber mache ich mir eigentlich noch weniger Gedanken.

Beim Trainingslager bist Du damit aufgefallen, dass du sehr präsent am Platz bist und oft Deine Mitspieler coachst - etwas was sehr ungewöhnlich ist für einen so jungen Torhüter, dem noch Erfahrung fehlt. Woher nimmst du dieses Selbstbewusstsein?

Ich war immer schon mehr der Typ der den Mund aufgemacht hat. Grundsätzlich gibt es natürlich schon eine Hackordnung, und als junger Torwart, auch wenn man vielleicht Ideen hat, hält man sich zurück. Aber jetzt mit der Zeit bin ich fester Bestandteil des Teams, bei jedem Spiel dabei und dadurch kann man sich das erlauben. Ich weiß wie die anderen ticken und wie ich selber ticke. Man will nur helfen und das Spiel gewinnen, deshalb gibt es da auch keine persönlichen Streitereien. Als Torwart hat man eine gewisse Führungsposition was die Verteidigung betrifft, weil man ein Spiel besser lesen kann. Der Torwart muss daher immer Unterstützung geben.

Sie nennen Dich auch „Schredder“ – woher kommt dieser Spitzname?

Sie nennen Dich auch „Schredder“ – woher kommt dieser Spitzname?

Was sind deine und eure Ziele für die im Juni stattfindende U21-EM?

Wir haben momentan viele gute junge Torhüter die gute Leistungen bringen und die regelmäßig spielen. Ich gehöre leider noch nicht zu denjenigen die auch regelmäßig zum Einsatz kommen. Ich schätze unser Team sehr stark ein – und nicht nur die Einzelleistungen, sondern auch den Teamspirit. Da spürt man eine echte Gemeinschaft. Natürlich musste auch das erstmal wachsen. Aber wir haben ein schweres Erbe anzutreten, weil die Generation vor uns den Titel geholt hat. Ich weiß persönlich noch nicht, ob dabei bin. Aber ich glaube wir werden von den Trainern sehr gut eingestellt, und glaube dass da im Sommer auf jeden Fall wieder was möglich sein wird.

St. Pauli liegt momentan auf Rang 4 der 2. Bundesliga, vier Punkte hinter dem HSV. Wie beurteilst Du eure Chancen auf den Aufstieg?

Das ist jetzt eine sehr entscheidende Phase. Da gilt es die Verfolger auf Abstand zu halten. Gerade jetzt haben wir mit dem Vefolger SC Paderborn und dem aktuellen zweitplatzierten HSV richtige Highlightspiele vor der Brust, in zwei Wochen haben wir ein Highlight mit dem Spiel gegen den HSV, welche sicher vorentscheidend in Hinblick auf die Frage sein werden, ob wir noch um die Relegation oder vielleicht sogar um den direkten Aufstieg mitmischen können. Zudem konnte St Pauli in der jüngsten Vergangenheit noch nie zu Hause gegen den HSV gewinnen hat. Wie wir in den beiden Spielen abschneiden und uns präsentieren, wird sicher entscheidend für das was Ende Mai noch möglich sein wird.

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