Unhaltbar: Die 6-Sekunden-Regel Kolumne

Freistoß im Strafraum

Regelkunde: In jeder Mannschaft muss ein Spieler Torwart sein, sonst kann das Spiel nicht stattfinden. Zudem muss der Torwart ein Trikot tragen, das sich farblich deutlich von denen der Feldspieler und Schiedsrichter unterscheidet. Bis hierhin alles klar, oder?

Mir fiel bei den Übertragungen der Bundesligaspiele zuletzt auf, dass die Moderatoren nicht selten auf die „6-Sekunden-Regel“ für Torhüter hinwiesen. Diese besagt, dass ein Torwart den Ball maximal sechs Sekunden mit der Hand kontrollieren darf. Danach muss er den Ball freigeben, da ansonsten ein indirekter Freistoß gegen seine Mannschaft zu verhängen wäre. Aber warum wird auf einmal von allen Seiten darauf hingewiesen?

Torhüter dürfen den Ball laut Regel nur 6 Sekunden in den Händen haltenTorhüter dürfen den Ball laut Regel nur 6 Sekunden in den Händen halten

Meine Recherche führte zu einem Schiedsrichter-Pfiff beim Europa-League-Spiel zwischen dem FC Liverpool und Girondins Bordeaux vor gut zwei Wochen. Liverpools Keeper Simon Mignolet hielt den Ball offensichtlich 22 Sekunden in seinen Händen und der Schiri pfiff regelkonform den indirekten Freistoß. Diese Aktion passierte bereits in der 6. Minute des Spiels, hatte also wohl kein Zeitspiel zum Ziel. Bordeaux‘ Saivet nutze den Freistoß zum 1:0 für sein Team (Endstand 2:1 für Liverpool).

Simon Mignolet hielt den Ball mit 22 Sekunden eindeutig zu lange. Folge war ein indirekter Freistoß.Simon Mignolet hielt den Ball mit 22 Sekunden eindeutig zu lange. Folge war ein indirekter Freistoß.

Da Liverpool-Spiele in Deutschland genauestens beäugt werden, seitdem Jürgen Klopp an der Anfield Road das Traineramt übernommen hat, ist diese besondere Entscheidung wohl auch in den Fokus der schreibenden und moderierenden Zunft gerückt. Allenthalben wurde geprüft, wie lange deutsche Bundesliga-Torhüter denn nun wirklich den Ball in ihren Händen halten. Ergebnis: zu lange!

Der Bezahlsender Sky hat genau hingeschaut: Bei 121 Torwartaktionen wurde der Ball knapp 50% zu lange, also länger als sechs Sekunden gehalten. Bei konsequenter Regelauslegung hätte am besagten Spieltag also knapp 60 Freistöße innerhalb des jeweiligen Strafraums geben müssen. Vermutlich hätten sämtliche Spiele einen anderen Ausgang genommen…und die gesamte Geschichte des Fußballs wäre wohl gänzlich anders geschrieben worden…

Ich bin auch in diesem Fall ein Anhänger der Tatsachenentscheidung. Ich bin sicher, dass ein Schiedsrichter einen nachhaltigen und klugen Einfluss auf einen Keeper nehmen kann, indem er ihn auffordert, den Ball beim nächsten Kontakt schneller aus den Händen zu geben. Erst wenn er den Ball erneut zu lange hält, sollte ein Freistoß gepfiffen werden. Zudem sollten Schiris Fingerspitzengefühl beweisen, insbesondere wenn –kurz vor Ende der Partie- ein klarer Vorsatz der Spielverzögerung beim Keeper erkennbar ist. Man darf in jedem Fall gespannt sein, ob die „mediale Wiederbelebung“ dieser Regel in der Zukunft Auswirkungen auf das Torhüter- und natürlich Schiedsrichter-Verhalten haben wird.

Ich kann mich noch erinnern, als die heute schon antiquierte „Drei-Schritte-Regelung“ für Torhüter nach ihrer Einführung ganz besonders unter die Lupe genommen wurde. Einige Schiedsrichter zählten genau mit, sobald der Keeper den Ball in der Hand hielt. Und damit nicht genug…selbst beim Abschlag wurde genau hingesehen, denn man durfte zeitweilig die 16m-Linie nach erfolgtem Abschlag nicht übertreten. Ich erinnere mich leidlich, dass mir mal ein solches Missgeschick widerfuhr, als ich einen schnellen Konter einleiten wollte und mich selbst durch den Anlauf und die Wucht des Schusses nicht vor der 16m-Linie halten konnten. Mehrere gegnerische Spieler brüllten „ÜBERGETRETEN“ und verpfiffen mich damit umgehend beim Schiri, der mich tatsächlich außerhalb des Strafraums ertappte und sofort auf Freistoß an der 16m-Linie entschied. Der schlug ein und wir verloren 1:0. Seitdem beobachte ich stets ein wenig frustriert und eifersüchtig die Bundesliga-Keeper, wie sie in vergleichbarer Situation teilweise bis zu 5 Meter aus dem Strafraum katapultiert werden. Ungestraft natürlich, denn die Regel wurde ebenso wie die 3-Schritte-Regel längst wieder aus dem Regelwerk gestrichen.

Noch älter sind die Regeln, unter denen ich das Torwartspiel in den späten Siebzigern erlernte: Damals durfte man den Ball fangen, sich aber nicht mit ihm bewegen. Folglich ergab sich dieses typisches Torwartverhalten: Der Ball wurde auf der Torlinie gefangen. Dann wartete der Keeper, bis die Gegner sich aus seinem Strafraum entfernt hatten und er rollte den Ball bis zur 16m-Linie. Hier angekommen nahm er ihn wieder in die Hand und schlug ab. Sieht man heute alte TV-Ausschnitte der damaligen Torwart-Heroen Sepp Maier, Norbert Nigbur und Bernd Franke, wirkt das damalig regelkonforme Verhalten schon ziemlich ungewöhnlich.

Eines ist sicher: Die gravierendsten Regeländerungen betrafen in der Vergangenheit eindeutig die Torhüter! Heute dreht sich fast alles um die Rückpassregel, durch die das Torwartspiel bekanntlich revolutioniert wurde. Seien wir also mal gespannt, was sich die Regelhüter für uns Torhüter noch so alles einfallen lassen. In jedem Fall werden sie die Keeper wohl nicht abschaffen – auch wenn in einem solchen Fall deutlich mehr Tore fallen würden.

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